Interview Preisträger Schönste eBook-App

„Storytelling auf Mobilgeräten“
Im Gespräch mit Robin Burgauer, Preisträger des eBook Awards 2014 in der Kategorie Schönste eBook-App

Der Deutsche eBook Award geht dieses Jahr, mit einer neuen Juryzusammensetzung und angepassten Kategorien, in die zweite Runde. Mit dem Preis für die schönste eBook-App wurde im vergangenen Jahr die historische Biographie „Carl Lutz – Der vergessene Held“, eingereicht von DOCMINE Productions, dem Kreativstudio für visuelles Storytelling, ausgezeichnet. Die App entstand im Zuge einer Fernseh- und Kinodokumentation über den Schweizer Diplomaten Carl Lutz, einem in Vergessenheit geratenen Helden, der im Zweiten Weltkrieg zehntausende ungarische Juden vor dem Holocaust rettete.

Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse 2014. Von rechts nach links: Patrick M. Müller (Founder, Managing Director, DOCMINE Productions), Regina Huber (Art Director, DOCMINE Productions) und Robin Burgauer (Head of Creation, DOCMINE Productions) ©Vedat Demirdöven
Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse 2014. Von links nach rechts: Patrick M. Müller (Founder, Managing Director, DOCMINE Productions), Regina Huber (Art Director, DOCMINE Productions) und Robin Burgauer (Head of Creation, DOCMINE Productions) ©Vedat Demirdöven

Wir haben Robin Burgauer (Head of Creation, DOCMINE Productions München) zum Gespräch über die App, den Award und die Zukunft des digitalen Publizierens, im Münchner Büro des international aufgestellten Start-ups, getroffen.

Robin Burgauer (Head of Creation, DOCMINE Productions) ©Vedat Demirdöven
Robin Burgauer (Head of Creation, DOCMINE Productions) ©Vedat Demirdöven

 

Videobooks: Ein nicht fiktionales, lineares, interaktives und multimediales Story-Telling-Format

Letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse wurde euch der Award für die beste eBook-App verliehen. Für die Umsetzung der historischen Biographie habt ihr das Format der App, oder des „Videobooks“, wie ihr das von DOCMINE Productions entwickelte Format nennt, gewählt.
Was sind die Vorteile einer App gegenüber einem E-Book? Warum habt ihr euch von DOCMINE Productions entschieden eine App, oder ein „Videobook“ zu dem Thema zu entwickeln?

Vor drei Jahren haben wir begonnen ein neues Storytelling-Format für mobile Geräte zu entwickeln. Mittlerweile haben wir bereits über ein Dutzend Videobooks für Tablets realisiert in vier Sprachen. Wir sehen das Format aber nicht an bestimmte Geräte gebunden und haben beispielsweise auch bereits ein erstes Videobook für Smartphones produziert. Wir verstehen Videobooks als nonfiktionales, lineares interaktives und multimediales Format, wo wir unterschiedliche Medien miteinander verschmelzen.
Bei dem Projekt Carl Lutz war es so, dass wir parallel einen Kino- und einen Fernsehfilm produzierten und gedacht haben, dass sich die Geschichte einfach super eignet um sie auch auf mobilen Geräten zu erzählen.
Was den großen Vorteil der App betrifft, stellt sich die Frage. Was überhaupt ein eBook ist. Wie wird Storytelling auf mobilen Geräten definiert? Wir haben auch häufig die Frage gehört, weshalb unsere App den Preis gewonnen hat. Das verstehe ich, aber dann sage ich immer: Lass uns erst mal darüber sprechen, was überhaupt ein eBook ist. Wir möchten letztendlich einfach die Stärke jedes Mediums ausnutzen, diese Verschmelzen und in eine Storyline packen. Dabei kam dann diese App heraus, aber die Idee ist, dass wir dieses Format in größerem Stil einführen. Dass wir nicht mehr nur einzelne Projekte machen, sondern dass wir eine ganze Plattform mit Videobooks aufbauen.

 

Die Einreichungsphase 2015 hat am 10. August begonnen und am 28. September werden dem die Nominierungen bekanntgegeben, aus denen die Sieger auf der Frankfurter Buchmesse den Award verliehen bekommen.
Wie habt ihr letztes Jahr von dem Award erfahren und wie kam es dann zu der tatsächlichen Einreichung?

Wir wurden über das Internet auf den Award aufmerksam. Da es so ein neuer Bereich ist, Geschichten in der Form zu erzählen, ist es für uns spannend neue Plattformen zur Präsentation zu bekommen, um zeigen zu können, was wir machen und was wir können. Dadurch, dass durch den Award, so eine große Aufmerksamkeit in Frankfurt generiert wurde, war es für uns optimal und wir dachten uns, dass wir unbedingt mitmachen müssen.

 

Die Downloadzahlen gingen definitiv hoch

Nun zu der Frage, dessen Antwort uns als Organisatoren des eBook Awards natürlich am meisten interessiert: Hat sich der Gewinn des Awards bemerkbar gemacht? Gab es direkte Auswirkungen, auch was die Downloadzahlen der App angeht?

Die Downloadzahlen gingen definitiv hoch. Der Vorteil war auch, dass wir fast parallel prominent im Apple App-Store gefeatured waren. Daher ist es schwierig zu sagen, was genau die Auslöser für das gesteigerte Interesse an der App waren. Es kam dann natürlich alles zusammen und das hat uns schon sehr geholfen. Die Erwähnung, dass man in Frankfurt, auf einer der weltweit wichtigsten Buchmessen ist und auch, wenn es noch in einem kleineren Rahmen war, da gewinnen durfte, hat uns sehr geholfen. Es ist natürlich schwierig zu sagen, was genau wodurch kam, aber auch in unserer Kommunikation haben wir den Gewinn des Awards überall aufgegriffen wo wir konnten.

 

Kannst du konkrete Zahlen zu der App „Carl Lutz. Der vergessene Held“ verraten?

Genaue Zahlen können wir leider nicht rausgeben, aber insgesamt waren die Downloadzahlen sehr befriedigend. Es waren mehrere Tausende und mittlerweile sind die Downloads im fünfstelligen Bereich.

 

Mobile Reading, Individualisierter Content, Zielgerichteter auf Plattformen, Kontinuierliche Weiterentwicklung

Zum Abschluss des Gesprächs, die Bitte für uns einen Ausblick in die Zukunft der Digitalisierung zu geben. Wie siehst du die Zukunft des digitalen Publizierens? Was wird sich in den nächsten Jahren verändern?

Ich glaube gerade jetzt findet ein enormer Umbruch statt. Gerade kürzlich waren wir offizieller Launch-Partner von Adobe in New York wo die neue Digital Publishing Solution und das Prinzip des „Continuous Publishing“ vorgestellt wurde. Da passiert bei uns grade einiges. Was sich weniger bewährt hat ist, dass man den Leuten immer ganze Pakete gibt, die total viel beinhalten und man muss sich entscheiden, ob man es komplett runterlädt oder nicht. Ich glaube, dass man in Zukunft den Leuten viel zielgerichteter Content anbietet, dass man viel einfacher zu Inhalten kommt, Inhalte auch teilen kann und zielgerichteter auf Inhalte zugehen kann. Das funktioniert auch in Videobooks, dass der User entscheiden kann was ihn interessiert und wo er schon Hintergrund wissen hat.

Ich bin überzeugt, dass Mobile Reading, das Lesen auf Smartphones, eine wichtige Rolle spielen wird. Mobile Content wird in Zukunft immer wichtiger, insbesondere weil jedes Jahr Millionen von neuen Geräten hinzukommen. Und irgendwie muss man diese Geräte mit Content bespielen und Geschichten erzählen.
Viele Downloadzahlen stimmen noch nicht, aber das bedeutet für mich nicht, dass digital Content nicht funktioniert. Das hat mit Vertriebsmaßnahmen und Marketing zu tun. Zudem gibt es noch ein großes Optimierungspotential was die App Stores betrifft. Vieles ist noch unübersichtlich. Zusätzlich werden in Zukunft meines Erachtens Plattformen eine noch größere Rolle spielen. Für die Nutzer muss es möglichst einfach sein zielgerichtet und individuell an die gewünschten Inhalte zu kommen.

Man muss es schaffen, dass man schneller zu Inhalten kommt und diese permanent aktuell hält. Wenn ich eine App öffne und sehe, dass etwas neu hinzugekommen ist und nicht, dass man nach Monaten ein schweres Update macht, sondern dass sich Inhalte kontinuierlich weiterentwickeln und man diese kontinuierlich teilen kann. Auch Videobooks können dadurch für den Nutzer immer wieder neue Erfahrungen bieten.

 

Das stellt aber ein enormen Arbeitsaufwand dar oder?

Es kommt insbesondere darauf an wie flexibel digitale Lösungen aufgebaut sind. Entscheidend ist, dass eine sinnvolle Schnittstelle zwischen Technik, Design und User Interaction gefunden wird. Ist dies gewährleistet dann können Inhalte einfacher ersetzt oder ergänzt werden. Zudem sollte auch gut überlegt sein, welche Inhalte sich kontinuierlich anpassen sollten und was über längere Zeit bestehen bleiben kann. Beispielsweise haben wir kürzlich ein Videobook realisiert über die Erstbesteigung am Matterhorn. Die Geschichte dazu steht und wird – abgesehen von einzelnen Diskussionen – auch in Zukunft Bestand haben. Gleichzeitig könnte diese Geschichte aber auch laufend mit aktuellen Informationen ergänzt werden. Aktuelle Informationen über das Matterhorn, welche geteilt werden können.

Letztlich geht es um die Frage wie Inhalte und Geschichten so interessant aufbereitet werden können, um sich von der Konkurrenz abzuheben und User einen Anreiz zu geben zu der Geschichte oder Plattform zurückzukehren.

 

Das Gespräch führte Clarissa Niermann.
Weitere Informationen unter www.docmine.com